Und auch nachts wird gestorben - Interview


Was ist für Sie Hospiz?
Hospiz ist ein unglaublich guter und wichtiger Gedanke, der leider heutzutage in unserer Gesellschaft notwendig geworden ist. Sterben gab es schon immer und früher wurde damit gelebt. Heute ist es nicht mehr natürlich und es macht mich auch ein bisschen traurig, dass Hospize überhaupt notwendig geworden sind und dass Angehörige es nicht mehr leisten können oder wollen, jemanden zu Hause sterben zu lassen.
Für mich ist die Tätigkeit eine große Erfüllung, denn das ist ein wichtiger Beitrag für die Gesellschaft. Und ich halte es für notwendig, das dunkle Bild vom Sterben aufzulösen.

Warum sterben die Menschen nicht mehr zu Hause?
Weil unsere Gesellschaft nicht darauf ausgerichtet ist, Endlichkeit zu sehen. Wir sehen nur uns selbst im Hier und Jetzt, sind egoistisch geworden. Der Tod macht immer mehr Angst. Er ist erschreckend, genauso wie das Altwerden. Auch das ist schon negativ besetzt. Und uns fehlt die Selbstlosigkeit, die es braucht, um für Menschen da zu sein.

Wie sind Sie zum Hospiz gekommen?
Ich war früher bei der Heimaufsicht, also irgendwie auf der anderen Seite. Schon damals hat mich das Hospiz interessiert und ich wollte verstehen, was da passiert. Also habe ich den Ehrenamtskurs gemacht. Ich hatte die Einstellung, dass ich wissen muss, worum es konkret geht, wenn ich ein solches Haus prüfen muss.


Wie haben Sie den Beginn von Palliative Care in Pflegeheimen wahrgenommen?
Es dauert einfach, bis man wirklich beginnt, das zu leben. Es reicht nicht aus, eine Kiste zu haben, auf der „Sterbebegleitung“ steht und da sind dann eine Kerze und ein paar Streublümchen drin. In der damaligen Ausbildung war dies nur ein Randthema. Wie das heute aussieht, weiß ich nicht. Und viele Alteingesessenen haben das auch nur als Nebenbei-Thema gesehen. Das Sterben fand und findet wahrscheinlich immer noch einfach nur nebenbei statt. Ich bin überzeugt, dass die Pflegekräfte selbst eine liebevolle und engmaschige Betreuung von sterbenden Menschen wünschen. Dies ist mit den personellen Ressourcen schwer oder gar nicht umsetzbar.


Aber eigentlich hat man doch als Mensch ein gutes Empfinden dafür, was ein Sterbender benötigt. Gerade wenn man z.B. einen Beruf in der Pflege ergreift. Kann es sein, dass die Strukturen in diesen Institutionen eine gute Begleitung unmöglich machen? Und dann gewöhnt sich eine junge Pflegerin die Begleitung irgendwann ab?
Die Personalschlüssel sind definitiv nicht ausreichend. Wenn man sich überlegt, dass nachts eine Fachkraft für 20 Bewohner sorgen muss, und auch nachts wird gestorben, dann ist klar, dass man das nicht leisten kann.
Und jetzt bin ich mal so provokativ und frage Folgendes: Wenn Heime ihre Pflegesätze um 600 Euro erhöhen und das mit dem Mindestlohn und einer verbesserten Personalstruktur begründen, dann stimmt da was nicht. Die Personalschlüssel werden mit den Pflegekassen verhandelt und auch von diesen bezahlt. Die  Kassen übernehmen nur eine gesetzliche Mindestzahl an Pflegekräften. Die darüber hinaus notwendigen Pflege- und Betreuungskräfte müssen über die Eigenanteile der Bewohner finanziert werden. Trotzdem hat auch mich so eine Erhöhung der Kosten sehr verwundert und nachdenklich gemacht.
Wie bereits gesagt, denke und hoffe ich, dass jede einzelne Pflegekraft am Wohl der Bewohner interessiert ist, aber gerade ein Vergleich mit dem Hospiz zeigt, dass die personellen Strukturen dies gar nicht leisten können. Dem Hospiz werden wesentlich mehr Pflegekräfte für die Betreuung der Menschen zugestanden als einem Pflegeheim. Wenn man bedenkt, dass die Verweildauer in (Pflege)heimen wesentlich länger ist, mehr Menschen betreut und gepflegt werden müssen, mehr tagesstrukturierende Aufgaben bewältigt werden müssen, ist dies doch schon ein Widerspruch in sich.
Es wäre schade, wenn man selbst beim Sterben Glück haben und auf einen Hospizplatz hoffen muss.


Das Grundproblem ist doch, dass die Pflegenden keine Zeit haben.
Genau. Und ich will auch nicht sagen, dass die Leute nicht gewillt sind. Wer es will und kann, ist durchaus bereit für gute Begleitung. Aber ich muss sagen, die Personalstruktur ist schlecht. Und ich befürchte, dass es mit dem neuen Pflegeberufegesetz nicht besser wird.

Was steht denn da drin?
Bisher hatten wir drei separate Ausbildungen - Krankenpflege, Kinderkrankenpflege und Altenpflege.Das Pflegeberufegesetz fasst diese drei Ausbildungen in einer zusammen.  Jetzt lernen alle drei Fachrichtungen in den ersten zwei Jahren das gleiche und erst im dritten Jahr spezialisieren sie sich. Dies hat für die Auszubildenden den Vorteil, dass sie in alle drei Berufszweige reinschnuppern können. Ich könnte mir jedoch vorstellen, dass sich dann auch viele gegen eine spätere Tätigkeit in der Altenpflege entscheiden. Vielleicht sehe ich das auch zu pessimistisch, aber ich befürchte eben, dass die Pflege darunter leiden wird.

Das hört sich komisch an, auch wenn da sicher nutzbare Synergien sind. Aber Altenpflege ist doch grundsätzlich etwas anderes als Kinderkrankenpflege.
Ja, Altenpflege ist wesentlich mehr auf Betreuung angelegt. Natürlich müssen die alten Menschen gepflegt werden, aber was sie vor allem brauchen ist Zeit, Ansprache und die Hand, die mal gehalten wird. Leider müssen das manche Pflegende erstmal lernen. Heutzutage sind wir alle so auf Distanz und Eigenständigkeit aus, dass wir verlernt haben, einem anderen nah zu sein. Eigentlich sollte es so sein, dass man an die Tür klopft, wenn man ein Zimmer betritt, dass man Guten Tag sagt. Aber das ist nicht mehr so klar. Die Gesellschaft hat sich sehr verändert. Und da muss die Ausbildung das kompensieren, was die Erziehung versäumt hat.

Und dann braucht es wiederum ältere Kollegen, die zu höflichem Verhalten anleiten.
Ja, und die vor allem noch motiviert sind, ihr Wissen den nächsten weiterzugeben und andere Menschen anzulernen.
Wir sollten nie vergessen, dass die Generation, die  jetzt gepflegt wird, unser heutiges Leben  erst ermöglicht hat!