Gespräche mit Ehrenamtlichen - Frederic Q.


LiH: Warum machst du die ehrenamtliche Arbeit im Hospiz?

FQ: Ich mache das, weil ich das Bedürfnis hatte, etwas Soziales zu machen. Ich hatte nach dem Abitur ein soziales Jahr bei den Maltesern gemacht und ich habe meine Großmutter gepflegt. Das hat mich wohl zum Thema geführt. Auch während meines Bachelorstudiums in Österreich hatte ich schon das Bedürfnis, etwas zu tun. Und das sollte eben was Sinnvolles sein. Ich wollte zum Hospiz. Das hat aber in Wien nicht geklappt. Als ich dann in Halle ankam, hatte ich eine Dokumentation über ein Kinderhospiz gesehen. Und das war dann der Auslöser dafür, mich beim Hospiz zu melden. Ich habe bei meiner Oma erlebt, dass es schön ist, wenn Leute nicht allein sterben müssen.

LiH: Ist es auch für dich schön?

FQ: Ja, es ist auch für mich schön. Ich habe das Gefühl, ich kann gut mit Menschen, auch mit alten Menschen, umgehen. Und das ist eben auch eine Tätigkeit, die Spaß macht. Spaß klingt irgendwie blöd in diesem Kontext. Aber es macht Spaß, mit Menschen zusammen zu sein, die eben gerade auch in der letzten Lebensphase viel zu erzählen haben. Spaß macht die Interaktion. Es geht eben auch darum, dass die letzte Zeit nicht immer traurig und deprimierend sein muss. Es wird auch viel gelacht.

LiH: Es ist eben auch Leben, nur gedimmter. Du bist noch sehr jung, und wahrscheinlich eine Ausnahmeerscheinung in deinem Umfeld. Denkst du, dass Menschen in deinem Alter sich mehr mit diesem Thema beschäftigen sollten? Und wie bekommt man sie dazu?

FQ: Ja, sie sollten es tun, denn sie tun es nicht. Die Aussage, die ich immer wieder höre: "Oh krass, das könnte ich nicht." Und man könnte dann über die Patientenverfügung sprechen, die man ja auch mit 28 schon haben kann.

LiH: Ja, aber warum denkst du, sollten junge Menschen sich damit beschäftigen?

FQ: Naja, es muss ja nicht um Krankheiten gehen. Man kann ja auch morgen von der Straßenbahn überfahren werden. Und man sollte darüber nachdenken, wie man das Lebensende möchte, was man nicht möchte und welche Menschen am Ende da sein sollten. Die Themen Tod und Sterben sollten nicht ausschließlich negativ besetzt sein und mehr im Alltag sichtbar sein. Die Menschen sterben hinter verschlossenen Türen, allein und das sollte nicht so sein. Ich arbeite hier beim Malteser Notruf und ich bekomme mit, wie viele Menschen allein zu Hause sterben. Und ich finde das einfach schade.

LiH: Glaubst du, dass unser Verhältnis zum Tod etwas damit zu tun hat, dass unsere Gesellschaft immer individueller wird?

FQ: Ja, das klingt jetzt wie die große Gesellschaftskritik, aber es ist wohl so. Ich lebe seit einigen Jahren in einem Haus und kenne die Nachbarn nur vom Pakete abholen.

LiH: Welche Verantwortung hat man denn eigentlich, sich ein eigenes Netzwerk aufzubauen, das auch am Ende da ist?

FQ: Das kann man ja nur bedingt beeinflussen. Wenn man keine Kinder hat und der Ehepartner stirbt, dann ist man am Ende allein.

LiH: Der Verlust von Familienstrukturen ist also auch dafür verantwortlich, dass die Menschen allein sterben. Klar, wer als Single lebt, stirbt auch als Single.

FQ: Der Großteil der Pflege wird immer noch von Angehörigen durchgeführt. Und wenn die Menschen immer weniger Kinder bekommen und älter werden, dann hat das natürlich Auswirkungen auf die Sterbesituation.

LiH: Was ist das Ideal des Sterbens für dich?

FQ: Das mag jetzt wie Werbung klingen, aber für mich ist das Ideale genau das, was die Hospizarbeit macht: Die Verknüpfung zwischen privatem Umfeld, ehrenamtlicher Begleitung und Medizin. Damit ist gewährleistet, dass auch die Familie mal eine Auszeit nehmen kann. Ich erlebe das in der Praxis als sehr gut, wenn auch verbesserungswürdig.

LiH: Findest du es richtig, dass die Begleitung auf dem Ehrenamt beruht?

FQ: Ja, dieses ganze Konzept funktioniert nur auf freiwilliger Basis. Wenn man in die Begleitung geht, bekommt man mit, dass die Menschen das Gefühl haben, dass man da ist, weil man da sein muss. Die Leute hatten das Gefühl, sie würden meine Zeit unrechtmäßig beanspruchen, als würden sie mir etwas abverlangen. Und ich muss dann immer wieder wiederholen: "Nein, ich komme freiwillig und ich komme gern zu Ihnen." Deswegen ist das Ehrenamt wichtig. Denn wenn man am Bett sitzt, oder am Tisch und die Leute denken, man wird dafür bezahlt, dann sind die Gespräche ganz andere, als wenn man sagt: "Ich habe mich freiwillig dazu entschieden, hier zu sein."

LiH: Braucht es Raum zum Sterben?

FQ: Ja, und Angehörige lassen den oft nicht. Aber nicht aus Boshaftigkeit, sondern aus Unsicherheit und Sorge. Sie haben Angst davor, dass der Sterbende verdurstet oder ähnliches. Da fehlt einfach das Wissen, dass der Körper das am Ende eben nicht braucht.

LiH: Fällt es dir schwer, Abschied zu nehmen?

FQ:  Irgendwann sind die Leute an dem Punkt, wo das Sterben das Ziel ist. Und ich begleite sie auf diesem Weg. Und so nehme ich oft auch mit einem Lächeln Abschied, weil ich weiß, dass sie ihr Ziel erreicht haben. Zu Hause und ohne Schmerzen. Und ich weiß, das ist gut so. Sie haben das erreicht, was sie erreichen wollten.  


 Photo by Simon Matzinger from Pexels
Photo by Simon Matzinger from Pexels