Gespräche mit Ehrenamtlichen - Herr Theierl


Leben im Hospiz: Herr Theierl, Sie wurden gerade für Ihr ehrenamtliches Engagement im Hospiz geehrt. Was genau machen Sie?

Rüdiger Theierl: Ich begleite im ambulanten Dienst Patienten, die im Grunde irgendwann mal sterben werden. Bisher habe ich noch keinen anderen Fall erlebt, wo es dann doch weiter ging. Alle Patienten, die ich begleitet habe, sind irgendwann auch gestorben. Manchmal nach sehr kurzer Zeit und einmal auch erst nach zwei Jahren, obwohl die Prognose sehr schlecht war.

LiH: Warum machen Sie das?

Rüdiger Theierl wird für seine Arbeit geehrt
Rüdiger Theierl wird für seine Arbeit geehrt

RT: Diese Arbeit macht mir viel Spaß. Spaß nicht in dem Sinne, dass ich jubiliere, aber ich freue mich, dass ich Menschen helfen kann, sowohl den Patienten als auch den Angehörigen.
Und das gibt mir auch persönlich was. 2004 habe ich meinen Vater begleiten dürfen und bin zum ersten Mal wirklich aktiv mit dem Tod in Berührung gekommen. Und nachdem ich in Rente gegangen bin, wollte ich mich noch mal engagieren. Dann habe ich eine Anzeige des Hospizes gesehen, das ehrenamtliche Helfer suchte und mir gedacht: "Ok, das versuche ich einfach mal". Dann habe ich die Ausbildung gemacht. Viele Freunde und Bekannte haben gefragt: "Was, so etwas willst du machen? Du kannst so etwas?" Und ich habe geantwortet: "Ich weiß nicht, ob ich es kann. Ich probiere es einfach."

LiH: Und dann ging es los?

RT: An meinen ersten Fall kann ich mich noch sehr gut erinnern. Das war ein Ehepaar. Er war wirklich schwerstkrank und wurde schon ambulant mit Schmerzmitteln versorgt. Und dieses Paar hatte sich nicht verstanden, die standen wirklich auf Kriegsfuß, weil er immer noch Bier trinken und rauchen wollte. Und dann habe ich seiner Frau gesagt: "Lassen Sie ihn doch. Passen Sie nur auf, dass er nicht das Bett ansteckt. Aber lassen Sie ihn doch rauchen und ein Bier trinken. Irgendwann ist sowieso Schluss." Und nach einer Woche kam ich wieder und die Frau ist zufrieden. Er liegt im Bett und strahlt. Er raucht eine Zigarette, hat sein Bier am Bett stehen. Und sie sagte zu mir: "Der ist wie ausgewechselt." Und eine Woche später ist er dann auch gestorben.
Das war mein erster Fall und ich habe da einfach intuitiv etwas Gutes gemacht. So etwas lernt man nicht in der Ausbildung. Die ist zwar sehr umfangreich, aber jeder Fall ist eben anders, so dass man nicht einfach eine Schublade aufziehen und etwas Erlerntes rausholen und anwenden kann. Man muss auch Situationen intuitiv erfassen und gestalten können. Dann tastet man sich eben vorsichtig heran. Manche sprechen offen über den Tod, manche reden und manche sagen einfach gar nichts.

 

LiH: Sind Sie gelassener geworden, was das Thema angeht?

RT: Ja, auf jeden Fall. Ich habe sehr viel für mich gelernt. Ich sage eben auch, ich habe noch eine Restlaufzeit und ich weiß, wie ich diese Zeit sinnvoll nutzen kann. Und ich denke, dass ich, wenn es mal ernst wird, auch gut ‘rüberkommen’ werde.

LiH: Glauben Sie, dass man für diese Arbeit ein gewisses Mindestalter haben muss?

RT: Ich denke ja, denn ich kann mir vorstellen, dass ein sehr junger Mensch z.B. von einem älteren Ehepaar nicht ganz unvoreingenommen gesehen wird.
Aber es wäre schon gut, wenn eine gewisse Lebenserfahrung bei dem Ehrenamtlichen vorhanden ist. Denn mit dieser kann man intuitiv besser reagieren, weil man schon vieles gesehen, gehört oder gelesen hat.

 Photo by Markus Spiske temporausch.com from Pexels
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LiH: Was haben Sie beruflich gemacht?

RT: Ich habe in Magdeburg Automatisierung studiert und bin Diplom-Ingenieur.

LiH: Sie sind also von einem sehr technischen Beruf, mit planbaren Details, zu einem Thema gekommen, das gar nicht planbar ist. Es sei denn, man stirbt innerhalb des medizinischen Systems, das ja sehr durchgetaktet ist.

RT: Medizin hat die Aufgabe, Leben zu erhalten. Das Hospiz hat eine andere Aufgabe. In der Regel sind die Leute ja austherapiert.

LiH: Was ist für Sie ein "gutes" Sterben? Was gehört da dazu?

RT: Da gehört ja einiges dazu: Derjenige der stirbt und auch die Familie und die Freunde.

LiH: Haben Sie eine Vision vom guten Sterben?

RT: Ich bin eben doch ein Techniker und halte mich eher an Grundregeln und Naturgesetze. Die sind unumstößlich. Deshalb tue ich mich schwer mit Visionen. Aber ich denke, es wäre gut, wenn jemand der stirbt, das auch annehmen kann und als unumstößlich vergewissert. Und dann noch alles äußert, was noch notwendig ist, oder was an Wünschen und Sehnsüchten da ist, so dass man das noch erfüllen kann. So dass am Ende alle Beteiligten sagen können, wir haben alles getan.

LiH: Kann man sagen, dass es darum geht, das Sterben zu leben?

RT: Ja, kann man. So, dass eben der Abschied nicht so schwerfällt.

LiH: Was ist eine wichtige Sache im Umgang mit Sterbenden?

RT: Ich denke, wichtig ist es, zu versuchen, sich in den Sterbenden hinein zu versetzen. Und dafür braucht man einige Informationen, über sein Leben. Und dann kann man ihn verstehen.

LiH: Und auch, ihn sein zu lassen? Absichtslos zu sein?

RT: Vollkommen richtig. Man kann niemanden noch belehren wollen. Das ist auch gar nicht meins.

LiH: Geht unsere moderne Gesellschaft gut mit dem Tod um?

RT: Besser als vorher. Aber gut meine ich nicht. Denn dazu wird zu wenig gemacht. Das sind so viele Ehrenamtliche oder Vereine. Die Finanzierung ist nicht so wie bei einem Krankenhaus. Zur Begleitung von Sterbenden gehören immer auch Finanzsorgen. Man muss Geld einwerben, Spenden generieren, Räumlichkeiten finden. Da könnte viel mehr unterstützt werden.

LiH: Aber die Hospizbewegung bzw. die -Idee wird ja auch durch das Bemühen um Spenden kommuniziert. Wenn alles finanziert wäre, wäre es vielleicht zu bequem. Denn eigentlich geht es ja darum, dass die Menschen zu Hause sterben und dafür wirbt ja die Hospizbewegung.

RT: Ja, das ist richtig. Aber ein bisschen mehr könnte schon von staatlicher Seite oder von der Stadt kommen. Gerade wenn es darum geht, dass man ein neues Grundstück für das Hospiz sucht. Da könnte die Stadt doch helfen und unterstützen.

LiH: Eigentlich gehört ja Sterbekultur auch zur Stadtkultur. Das hört ja nicht bei den Krankenhäusern auf.

RT: Es hat sich viel getan. Niemand wird mehr - wie vor dreißig oder vierzig Jahren - zum Sterben ins Bad geschoben. Das Elisabeth Krankenhaus hat noch den Vorteil, dass eine Hospiz- und Palliativstation vorhanden sind. Und gerade die Palliativmedizin kann viel bewirken. Aber ich stelle auch fest, dass in meinem Umkreis die Menschen, trotzdem nicht dahin gehen und sich beraten lassen.

LiH: Was hat Sie die Nähe zu sterbenden Menschen gelehrt?


RT: Toleranter gegenüber gewissen Meinungen zu sein, die ich nicht teilen muss.  In meinem Bekanntenkreis fragt man mich oft, wie ich das aushalte. Und ich muss sagen: "Ich komm´ damit klar." Es gibt Fälle, wo ich auch Zeit brauche. Es gab mal einen Herrn, bei dem ich auch bei der Beerdigung war. Er war alleinstehend, lebte in dem Heim der Behindertenwerkstatt und hatte eine Diagnose von vier bis acht Wochen. Ich habe ihn dann über zwei Jahre begleitet. Jede Woche war ich bei ihm und wir haben Karten gespielt. Ich wurde dort immer fröhlich erwartet und das war fantastisch mit diesen Leuten aus der Werkstatt. Und die Urnenbeisetzung war so beeindruckend. Der Pfarrer hat den Verstorben beschrieben und aus der Reihe der Trauergäste kamen dann laute bestätigende Rufe: "Ja, das stimmt." Und die Tränen liefen. Das war eine fast fröhliche Beerdigung. Ganz anders, als das, was ich kannte.

LiH: War das echt?

RT: Ja, das war echt. Die haben ihre Gefühle wirklich rausgelassen.

LiH: Ist unser Umgang mit dem Tod und unsere Bestattungskultur vielleicht verklemmt?


RT: Ich sag ja. Wobei der Begriff verklemmt auch sehr dehnbar ist. Aber das wäre noch so eine weitere Aufgabe: Wie kann man Möglichkeiten schaffen, sich mit Betroffenen auszutauschen? Also, wenn jemand schon gestorben ist, dass man dann auch gestaltet und freier ist.


LiH: Vielleicht könnte man wirklich als Stadt eine Sterbe- und Bestattungskultur etablieren. Vielleicht einen runden Tisch gründen, an dem sich alle die treffen, die mit Sterbenden und Toten zu tun haben. Und damit könnte man die Grenze zwischen dem Leben und dem Tod überwinden und gemeinschaftlich gestalten.

RT: Das wäre nicht verkehrt. Ja, ich denke, das wäre gut.

LiH:  Herr Theierl, vielen Dank für das Gespräch. 


Das Gespräch führte Juliane Uhl, die das Projekt Leben im Hospiz im Auftrag der Hospiz am St. Elisabeth-Krankenhaus Halle gGmbH betreut.

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